Standortbezogene Dienste wurden mit der ‘Erfindung’ des A-GPS geboren und sind seit dem in aller Munde. Auf dem Gebiet der mobilen Dienste wird von dieser Technologie Vieles erwartet und es gibt inzwischen auch schon unzählige Applikationen, die sich der Standortermittlung des Handynutzers bedienen.

Verschiedenste Dienste sind sofort auf diesen Zug aufgesprungen und bieten dem Kunden eigene Angebote basiert auf dem aktuellen Nutzerstandort. Durch das A-GPS* kann der ungefähre Standort des konkreten Handynutzers wesentlich schneller als mittels GPS selbst ermittelt werden und somit wurde diese Technologie für ‘Realtime-Services’ einsatzbereit.
Demzufolge haben wir heute bereits unzählige Dienste, die uns unter Zuhilfename von unserer positions-, zeit und personenabhängigen Daten selektive Informationen bereitstellen können.
Ein Abend. Eine Aufgabe. Fünf verschiedene Applikationen.
Soll das die Revolution sein?!
Also habe ich in der Zwischenzeit auch schon gut 20 standortbezogene Dienste am iPhone. Von Essenzustellung, über Kinoprogramm bis zu Hilfe beim Parken. Es nimmt viel Platz ein, ist unübersichtlich und für jeden einzelnen UseCase brauche ich eine andere davon. Jede einzelne muss man separat installieren, separat konfigurieren, separat verwalten, separat aktualisieren und separat benutzen.

Wenn ich mal also mit meiner Frau zum Essen und dann ins Kino fahre, brauche ich mindestens drei Applikationen dafür, einmal um das Essen zu checken, dann das Kinoprogramm und anschließend noch die Parkplätze. Sollte ich für’s Restaurant oder ’s Kino einen Gutschein benutzen wollen, brauche ich noch eine App, die sich darum kümmert. Und wenn ich dann später das Auto nichtmehr finden kann, brauche ich eine weitere App dafür, die sich das merkt und es mir später sagen kann.
Inzwischen ist der Abend vorbei und ich stehe mit leerem Akku da… Mühsam, zeit- & akkufressend und äußerst unpraktisch.

Und dann kam foursquare und es kam gowalla.
Und das Web sah, dass es schon (fast) gut war.
Als dann später foursquare und gowalla aufgetaucht sind, wollte ich schon mal jubeln, da ich geglaubt habe, endlich hat einer die Möglichkeiten von Standortbezogenen Diensten richtig begriffen und umgesetzt. Umso größer war dann meine Verzeweiflung, als ich Gowalla ausprobiert habe.
Warum? Einfache Antwort. Was genau bietet mir Gowalla überhaupt? Kann ich’s essen, kann ich’s kaufen, kann ich damit fahren?
Naja, ich kann je nach aktuellem Standort einen neuen ‘Spot’ (Platz, Stelle, Ort, Punkt, etc. – ich belasse es bei Spot) erstellen und/oder in einem von den vorhandenen einchecken. Standortbezogen ist dabei lediglich die Validierung des aktuellen Standortes. Ich kann mir die Plätze ansehen, die meine Freunde besuchen und die Eigenen. Ich kann mir eine unsortierte Liste von nichtssagenden fremden ‘Spots’ ansehen und mir die unbekannten Orte auf der Karte anschauen. Ich kann ebenfalls pro besuchten oder erstellten ‘Spot’ irgendein Gegenstand aufnehmen und/oder ablegen. (Woher diese kommen und was sie genau bringen ist mir bis heute schleierhaft.)

Obendrauf kann ich alle diese Aktivitäten per Twitter oder Facebook mit den Freunden teilen. Und das war’s dann auch schon.
Aha. Alles klar. Also dafür brauche ich wirklich keine Gowalla und erst kein Foursquare.

Nerdspielzeug- oder Businesscase-Zukunft?
Trotz jeglicher Mühe finde ich keinen einzigen wirklich brauchbaren – und zumindest hin und her notwendigen Usecase (weil keine Notwendigkeit = kein Business case = keine Zukunft), ausgenommen der unnötigen Spielerei, wie beispielsweise auf jedem Schritt & Tritt einen neuen Spot zu erstellen und/oder sich da und dort ein- und wieder auszuloggen. Die Push-Notifikation über diese Ereignisse hat sowieso schon jeder abgedreht. Nicht mal in Wien mit anderen Wienern hat es etwas gebracht. Wenn man gemeinsam auf einem Ort ist, findet man sich auch über Twitter oder Facebook zusammen, wenn jeder woanders ist, ist es erst egal.
So ist das ganze zwar ein nettes aber auch ein komplett unnötiges Nerd-Spielzeug.
Quo vadis Gowalla? Gestern und Morgen.
Gowalla hätte das Potenzial. Gute Umsetzung, solider Auftritt, eleganter Client. Das ist Gowalla heute. Für ‘morgen’ träume ich von sowas in etwa:
Standortbezogene Dienste mal richtig. (M)Ein Tag mit Gowalla:
Nach dem Aufstehen, unterwegs zum Bäcker schaue ich auf Gowalla nach, ob mein Bäcker offen hat und lade mir gleich ein Frühstücksgutschein herunter, mit dem ich beim Bäcker dann nur die Hälfte zahlen muss. Auf dem Weg zur U-Bahn warnt mich Gowalla, dass der Bahnhof Meidling schneekalamitätbedingt geschlossen ist und ich lieber gleich auf alternative Verbindungen ausweichen soll, noch bevor ich im Stau lande. Als Alternative bietet mir die Applikation auch gleich 3 Taxinummer an, falls ich nicht anders weiterkommen sollte. In der U-Bahn kann ich dann gleich das Gebäck begutachten und eine Rezension über meinen Bäcker schreiben, resp. mir die Bewertungen der anderen Benutzer ansehen.
Angekommen im Office, kann ich im Gowalla gleich mal nachsehen, was es heute zum Mittagessen gibt – weil ich mir über die offene API das Kantinenforumfeed abonniert habe – und kann planen, wann was am besten zu erledigen ist. Nach der Arbeit schaue ich schnell bei meinem Friseur vorbei, muss aber feststellen, dass der auf Urlaub ist. Gowalla weiß aber wo ich gerade bin und kann mir daher auch gleich sagen, dass es um zwei Ecken weiter einen Friseur gibt, der einige gute Bewertungen von anderen Usern bekommen hat und jetzt offen hat. Frisch frisiert springe ich noch zum Billa nebenan, weil ich dort mit meiner mobilen Version der “10 persönlichen Lieblingsprodukten” Ermäßigugen bekommen kann, ohne dabei ein ‘Analog-Heftl’ mitzuschleppen. Am Weg nach Hause, kann ich schon mal wieder die gerade in Anspruch genommenen Dienste bewerten und (nicht) weiterempfehlen. Nebenbei erinnert mich Gowalla, dass heute um 20 Uhr auf Arte meine Lieblingssendung läuft.
Sobald ich wieder im Kabelwerk bin, sagt mir Gowalla, dass das Apollo-Kino heute Avatar spielt, nach dem ich es letztlich gegoogelt habe und dass es am Abend gleich drei Vorstellungen gibt und es gibt noch Tickets. Die Tickets selbst kann ich gleich mit einem “Gowalla-1-Click-Buy” kaufen. Als Bestätigung bekomme ich einen ‘unique code’ mit dem ich im Kino nachweisen kann, dass ich die Tickets gekauft habe. Nach einem erfolgreichen Kinoabend verrät mir Gowalla, dass es ja heute auch die Abschiedsparty in meiner Lieblingsbar gibt, die ich nicht verpassen sollte, weil ich die Teilnahme vor einer Woche auf Facebook bestätigt habe. Es kann mir auch gleich sagen, welche weitere meiner Freunde zugesagt haben.
Wenn ich dann nach den sieben Cider noch Lust bekomme, daheim etwas zu naschen, spuckt mir Gowalla die zutreffenden Fastfoodzustelldienste aus und kann mir gleich sagen, dass ich am liebsten bei dem Einen oder Anderen bestelle, weil ich das letzte mal unzufrieden war und eine negative Bewertung abgegeben habe. Während ich dann zufrieden schlafe, checkt Gowalla meine Feeds und kann mir gleich als erstes morgen früh sagen, dass mein bestelltes Buch bei der Thalia angekommen ist und dass um halb acht der Postler mit der Zooplus-Lieferung kommt. Und dass ich später nicht vergessen soll Lotto zu spielen, weil Dreifachjackpot. Und ich soll mich gut anziehen, weil der Wetterdienst für heute einen Schneesturm angekündigt hat…
Man hat jetzt ungefähr die Vorstellung, wo ich damit hinwill, richtig?
Alles nur Träumerei? Jeden dieser Dienste gibt es bereits. Standalone.
Es würde mich nicht wundern, wenn man mich jetzt schon auf den digitalen Scheiterhaufen als unverbesserlichen Träumer schickt, aber ehrlich – jede der oben genannten Applikationen gibt es bereits – standalone halt. Wer es nicht glaubt, möge sich bitte folgende Dienste ansehen: Vooch, iHunger, Taxi, CineGuide, Verkehrsinfo, HotelRadar, Tiggits, Coffee Finder, Leiwand, Parking Near, Aka-Aki, WetterAtApp, Shopper, Barcoo, etc. etc. etc.
So stelle ich mir Standortbezogene Dienste von Morgen vor. So macht es Sinn, so sind konkrete alltägliche kommerzialisierbare Anwendungsfälle dabei, anstatt nur irgendwo ein- und auszuchecken und damit lediglich Zeit zu verbraten, da man sonst damit eh nichts anfangen kann…
Also liebe Gowallagründer, wie sieht die Gowalla-Zukunft in euren Köpfen aus? Unnötiges Nerdspielzeug oder doch das erste standortbasierte sinnvolle und kommerzialisierbare mobile Angebot?
Fußnoten:
“Bei Mobiltelefonen ist anhand der Funkzelle, die das Telefon bedient, der ungefähre Aufenthaltsort bereits bekannt. Dieser Ort kann durch Messungen der Signallaufzeiten von den anderen in der Nähe befindlichen Mobilfunkmasten weiter präzisiert werden. Der Empfang von mindestens drei Basisstationen ist erforderlich, um den Standort auf diese Weise eindeutig ausrechnen zu können. Die Höheninformation kann bei diesem Verfahren auch mit drei Basisstationen nicht bestimmt werden. Die Ortsangaben der eingebuchten (in den meisten Fällen also der nächsten) Funkzelle verwendet auch Google Maps for Mobile in seiner Funktion “MyLocation”…
About Martin Waiss
Yet another web-addict and wannabe semantic-web-knight and tenpin-bowling-king from Vienna. Also I love my cats.
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Interessante Perspektive
gute Analyse. Was ich bei Gowalla, foursquare et al zudem vermisse ist ein backend für den Betreiber/Eigentümer einer Location. Die Folge sind zum einen falsche bzw. mehrfache Einträge, zum anderen kaum aktive Nutzung/Promotion dieser Dienste durch Location-Betreiber.